Mein ganzes Leben lang schon liebe ich Musik über alles. Sie beflügelt meine Seele. Ich höre Musik während unterschiedlichen Zuständen meines Daseins:
Rockmusik in der Freizeit, unterwegs, im Konzert und beim Sport. Zen-buddhistische Klänge beim Yoga.
Mit Theta-Frequenzen angereicherte Musik für tiefere meditative Zustände. Konzentrations-Musik bei der Arbeit.
Trance-Musik beim Tanzen.
Salsa bei einem Latino-Dance-Workout.
Aber es gibt einen Ort auf dieser Welt, bei dem diese Seelenverbundenheit endet: Das Volksfest!
So wie in ganz Österreich regiert auf den Festen im Waldviertel der Schlager und die volkstümliche Musik. Manchmal wird das Publikum auch mit ein bisschen Blasmusik von der ortsansässigen Kapelle oder anderem Umtatata begeistert (so bezeichnet Horst diese Klänge für gewöhnlich).
Auch wenn die Gefahr besteht, dass ich in diesem Punkt als schlecht integriert im Waldviertel gelte und mir den Unmut der Landbevölkerung zuziehe: Meins ist diese Musik nicht so ganz… (Wobei: An die Blasmusikkapelle habe ich mich schon gewöhnt…)
Mancher Waldviertler Schlagerfan, der sich die Musik anhört, die mir gefällt, würde sich aber umgekehrt genauso denken:
„Is jo koa Wunda, doss ia da Schloger net gfoit waun se so a englisches Kotz’n’gschroa heat!“
(dt.: kein Wunder, dass ihr kein Schlager gefällt, wenn sie so ein englisches Katzengeschrei hört.)
Bevor ich auf’s Land gezogen bin, war ich friedlich und glücklich von Katzen und anders musikalisch schreienden Tieren umgeben. In Neudeutsch wird die daraus entstandene Musikrichtung auch als Rockmusik bezeichnet, oder Altdeutsch: Steinmusik (Waldviertlerisch: Stamusi).
Das heißt aber bitte nicht, dass Gitarren zwangsweise aus Granit bestehen müssen!!! Egal.
Ich lebte jedenfalls in einem Paradies, in dem ich zwar wusste, dass Schlager und volkstümliche Musik existieren, aber ich kannte keine Menschen, die diese Musikrichtung tatsächlich hören.
Insgeheim glaubte ich daran, dass der Hansi Hinterseer so berühmt ist, weil Pensionist*innen auf ihn stehen und er den Rest seiner CDs selber aufkauft.
Aber wie sehr bin ich doch falsch gelegen!
Ja, wenn ich mich recht entsinne, begann diese Welt schon in Wien während einer Busfahrt zu bröckeln. Ich hörte, wie eine alte Dame dem Busfahrer vom tollen Hansi Hinterseer Konzert in der Stadthalle erzählte:
„Wir haben gerade noch Karten bekommen. Das Konzert war ausverkauft. Alt und Jung waren dort versammelt und es war wirklich schön!“
Diese Erinnerung stieg soeben beim Schreiben aus meinem Unbewussten auf und mir wird nun schmerzhaft klar, wie verzweifelt ich versucht habe, die Realität zu verdrängen.
Als ich meine Beziehung zur Schlagermusik noch weiter reflektierte, wurde es noch schlimmer:
Sogar ich hatte mal eine Volksmusikphase (Pssst – bitte nicht weitersagen!):
Als kleines Kind hörte ich nur klassische Musik oder Volksmusik, weil ich von daheim nichts Anderes kannte.
Irgendwann kam ich dann mit der Popmusik der 90er Jahre in Berührung und hangelte mich dann von den Backstreet Boys weiter zu anständiger (Rock-)Musik, die auch Nichtpubertierenden gefällt.
Hier im Waldviertel hören wie gesagt sehr viele Leute Schlager und volkstümliche Musik:
Die Jungen, die Alten, die Dicken, die Dünnen, die Dummen, die G’scheiten, fast alle. Und sie stehen dazu, so wie ich zu meiner Stamusi stehe.
Und sollte es jemand wagen, etwas anderes aufzulegen, fordern die TeilnehmerInnen der Festlichkeit diese Musik sogar ein!
Horst war einmal bei einer öffentlichen Veranstaltung für die Musik zuständig. Da er keine Schlager auflegen wollte, versuchte er es ganz vorsichtig mit „neumodischer“ Musik wie den Beatles. Aber auch das war schon zu viel für das Publikum und er scheiterte kläglich am Massengeschmack der Anwesenden. Bereits nach 15 min wurde er gebeten doch eine „g’scheite Musi“ zu spielen.
Um nicht von den anwesenden Gästen gepfählt, gesteinigt und anschließend auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, fügte sich mein Göttergatte zähneknirschend ihrem Willen.
Den meisten Erfolg hatten ein paar Freunde und Bekannte von Herbert. Diese haben erreicht, dass ein Lied der Band Korn bei einem DJ in einer ländlichen Diskothek gespielt wurde, in der man sich normalerweise höchstens „An der Nordseeküste“ wünschen kann.
Warum diese Musik überhaupt in der Playlist vorhanden war, ist mir bis heute ein Rätsel. Auf „Play“ hat der DJ jedenfalls nur gedrückt, weil er nicht wusste, welche Musik Korn macht. Wer Korn nicht kennt: Diese machen in der Regel sehr düstere, harte und teilweise unmelodische Rockmusik– also das genaue Gegenteil von Schlagern. Wahrscheinlich klang der Name Korn so vertrauenswürdig nach Troat (dt. Getreide), Schnaps und ländlicher Idylle, dass der DJ so eine Musik bei bestem Willen nicht erwartet hatte.
Aber es ist ja alles gut ausgegangen und keiner der Gäste hat einen Herzinfarkt bekommen. Und wie gerne hätten ich in diesen wenigen Sekunden, in denen das Landdisko-Publikum mit verzerrten Gitarrenklängen irritiert wurde, das Gesicht dieser Menschen gesehen!
Nach diesem Diskotheken-Exkurs, wird es Zeit zu den Feuerwehrfesten zurückzukehren…
Da dieser Blog aber wieder in einen Roman ausartet, werde ich diese Geschichte nächste Woche, wieder pünktlich am Donnerstag um 08:00 Vormittag weiterzählen.
