Letztes Mal bei LebensLustig 9.0:
- Das Waldviertel und alle österreichischen Feuerwehrfeste werden bevölkert von einer Elite: den Schlagerfans. Außerdem werden wir seit kurzem von bedrohlichen Kreaturen heimgesucht. Schilder in diversen Waldviertler Dörfern warnen von ihrer Gefährlichkeit:

- Frau Bierdeckl besucht gerade ihre ersten Feuerwehrfeste am Land. Die Besuche auf steirischen Feuerwehrfesten und die dunklen Tage, an denen sie als Kind wild zu der Musik der Stoakogler getanzt hat und in Heintje verliebt war, sind vorbei und verdrängt. Werden ihre Ohren die Musik dort überleben oder wird sie mit Gehörsturz ins Spital eingeliefert?
- Die Bierdeckls kamen in bunten Dirndl und Lederhosen zur Black & White Party und wurden des Festes verwiesen. Nun haben sie bis Jahresende Dorfverbot wegen Un-Coolness.
Was es mit Festen wie der Black & White Party auf sich hat? Das erfahrt ihr heute bei Lebenslustig 9.0 – Musik am Volksfest, Folge 2:
Obwohl die Musik und die Gestaltung der Festivitäten so bodenständig und traditionell sind wie eh und je, ist eine Tendenz im Waldviertel bemerkbar, dass die Namen von Volks- und Feuerwehrfesten jetzt „cool“ und jugendlich klingen müssen. Es ist nicht mehr spannend genug einen Banner aufzuhängen, wo „Feuerwehrfest der Gemeinde Hintertupfing inklusive Frühschoppen[1]“ draufsteht. „
Einige sehr kreative Veranstalter bringen scheinbar ihre Begeisterung für die englische Sprache bei der Entwicklung neuer Bezeichnungen ein und lassen sich Event-Titel wie:
Firemania oder Black & White Party einfallen. Manche dagegen scheinen zu vergessen, dass wir im Norden leben, wo es nur Wald, Steine und Bäche gibt. Dann findet man örtlich deplatzierte Fest-Betitelungen mit Namen wie „Ballermannparty“ oder „Beach Party„.

© privat
Jetzt fehlt nur noch, dass Frühschoppen in „morning feed“ oder „wild brunch eating and drinking“ umbenannt wird.
Menschen wie ich, die sich unter „Firemania“ etwas anderes vorstellen, als das Feuer, dass in den Lenden eines wahren Volksmusikanten brennt, werden laut Horst auf jeden Fall ent-täuscht werden, denn er meinte:
„Des is a gonz normoi’s Feierwehrfestl!“
(dt: Das ist ein ganz normales Feuerwehrfest)
Das erste Ende einer solchen Täuschung erlebte ich, als ich in Begleitung diverser Familienmitglieder und meines Mannes Feuerwehrfeste in Niederösterreich besuchte.
Meistens ging ich dort hin für’s gute Surschnitzerl und kam zurück mit musikalischer Geistesverwirrung, nachdem ich begabten Bands wie „Den steirischen Ziegenalmtalern“ oder den „Niederösterreichischen Landeshäuptlingen“ lauschen durfte. Aus diesem Grund verbringe ich das Feuerwehrfest meistens still leidend oder laut blödelnd.
Mein im Waldviertel aufgewachsener Mann kann fast alle Texte auswendig und trällert dann fröhlich grausame Schnulztexte von den Seern, Brunner & Brunner und ähnlichen namhaften Künstlern dieses Musikgenres auf einem Feuerwehrfest vor sich hin.
Man kann dieser Musik am Land einfach nicht ausweichen.
Du kannst laufen, du kannst versuchen zu fliehen. Aber du kannst nicht entkommen.
Und irgendwann wirst du auch die Texte auswendig können, weil scheinbar auf jedem Feuerwehrfest die gleiche Playlist abgespielt wird. Diese hat sicher einen klingenden Titel wie:
„Große Welthits der Schlager und Volksmusik. Die einzige Playlist auf der Welt Vol. 1. Obligatorisch auf jedem Feuerwehrfest in ganz Österreich“.
Schließlich begann ich die Musik zu verdrängen und dafür genauer auf die Texte zu hören. Und obwohl es schon schlimm genug ist, liebe Leser*innen, wird es jetzt noch einen weiteren Grad schlimmer: Denn was ich fand, war ein Phänomen, dass man in der Literaturwissenschaft als „erotischen Subtext“ bezeichnen würde. Im Volksmund würde man eher sagen: Die Lieder sind unterschwellig pervers. Z. B. glaubt man, es ginge um schöne Berge, dabei sind diese ein Synonym für Quastln (dt. Brüste).
Manchmal geht es auch um Liebe (geistig und körperlich, manchmal zu einem Menschen, manchmal zur Heimat oder zur eigenen Kuhherde), sowie Herzschmerz.
Bei mir erzeugt das einen Ohrenschmerz, der sich in einen Ohrwurm verwandelt, den ich dann tagelang nicht mehr loswerde. Und so dauert mein Martyrium dann noch über das Feuerwehrfest oder den Besuch der rustikalen Diskothek hinaus.
Aaaaaber – man glaubt es nicht. Es gibt unter den Volksmusikanten eine Ausnahme, dem ich aufgrund seiner Performance auf der Bühne unter Einfluss alkoholischer Getränke wirklich gerne zuschaue.
Dieser Mann aus Bayern hat zwar eine ganz besondere Begeisterung für erotische Subtexte, aber eine wirklich witzige Bühnenshow.
Und zwar handelt es sich um den Spitzbua Markus, der sich selbst als „den verrücktesten Entertainer seit der Erfindung der Weißwurst“ bezeichnet.
Er schlüpft in der selben Geschwindigkeit wie der Superheld Flash in ein Kostüm nach dem anderen und schreckt vor nichts zurück:
Von Pippi-Langstrumpf-Style bis zu klassischen Lederhosen ist alles dabei.
Für mich ist er eine moderne Verkörperung des Archetyps des „Narren“. Denn sein Schamgefühl ist bei der Wahl seiner Verkleidungen stark eingeschränkt und genau das ist seine Stärke! Nicht nur zur Unterhaltung, sondern weil wir einiges von ihm lernen können, wenn wir sehen, wie viel Spaß er auf der Bühne hat. Es wirkt ganz so, als wäre diese Tätigkeit für ihn kein Brotberuf, sondern seine Berufung.
In einer Welt, in der ein Brotberuf die Norm und Berufung die Ausnahme ist, freue ich mich immer wieder Menschen zu sehen, die bei der Arbeit wirklich Spaß haben und die sich etwas trauen!
Und Scham ist aufgrund des Fehlens von Anonymität am Land ein großes Problem!
Da wird immer darüber siniert, was die anderen denken oder reden könnten.
Ein Beispiel:
Der Hinterhuber Sepp kauft sich einen Ugly Christmas Pullover. Zuerst ist er ganz stolz drauf. Aber auf dem Weg zu einer illustren Runde mit Freunden, kommen die Gedanken:
Es könnte ja passieren, dass er aus dem Auto aussteigen und jemand könnte ihn sehen, der nicht weiß, was ein Ugly Christmas Pullover ist. Der würde ja dann denken, dass das wirklich sein Kleidungsstil ist! Dann könnte sich ja jemand über ihn lustig machen. Und nicht mit einem von den „guten“ Lachern, wie er sie von seinen Freunden erwarten kann, sondern mit bösartiger Gerüchteküche, der Hinterhuber Sepp habe den Verstand verloren:
„Wos der gestern o’ghobt hot! Jetz issa scho gaunz deppat wu’rn. Des geht auf koa Kuahaut. De Wöd steht nimma long…„
(dt. was der gestern an hatte! Jetzt ist er schon ganz verrückt geworden. Das geht echt gar nicht! Diese Welt steht nicht mehr lang…)
Tja, was sich ein verrückter Entertainer, Comedian oder oder ein Kabarettist wie Thomas Stipsits leisten kann (der Vorführmann für Ugly Christmas Pullies und bunte Hemden)…
Das kann der normale Bürger mit großer Angst vor dem Spott seiner Mitmenschen nicht.
Daher wird der Pulli zur wieder ausgezogen und daheim gelassen. Und der Spaß, den alle mit dem Pulli haben könnten, bleibt nicht nur dem Lästerer aus dem Wolkenkino des Hinterhuber Sepp verwehrt, sondern auch seinen Freunden. Wie schade eigentlich!
Vor allem wenn man bedenkt, dass der Guiness Ugly Christmas Sweater im Guiness Stil von Horst ihn im Irish Pub bei der Firmen Weihnachtsfeier schon einmal ein gratis Guiness eingebracht hat.
Daher fordert die Redaktion Waldtraud Bierdeckl:
Weniger Scham, mehr Spaß! Berufung statt Brotberuf!
Und sollte es für jemanden Berufung sein Schlager oder Volksmusik zu machen, dann bitte außerhalb meiner Hörweite. Danke!
Zum Abschluss heilsame (und gute) Rock-Musik von den sehr gesunden Ärzten als Ermutigung, die Leute reden zu lassen!
Danke für’s Lesen. Es war mir ein Volksfest!
